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Dürre, Hagel, Stürme – wer zeigt Lösungen auf?

Die Probleme werden offensichtlich – aber wer schreibt über Lösungen? Es wäre doch so einfach!

Das Jahr 2018 brachte eine extreme Dürre mit sich, die in der Landwirtschaft schwere Schäden verursacht hat. Auch auf Landschaftsebene gibt es gewaltige Probleme, wie das massive Absterben von Waldbäumen, ein Absinken des Grundwasserspiegels und damit verbunden eine große Unsicherheit in der Trinkwasserversorgung.

Noch können solche Extremwetterlagen teilweise ausgeglichen werden, indem in der Landwirtschaft bewässert wird und indem Trinkwasser aus anderen Regionen zugeführt wird. Doch durch diese Maßnahmen verschärft sich die Problematik, da der Grundwasserspiegel weiter absinkt und somit ein Speicher angezapft wird, der sich so schnell nicht erholen kann. Denn, wie der IPCC in seinem Sonderbericht vom September 2018 darstellt, werden Dürrejahre wie 2018 in Zukunft immer häufiger auftreten oder sogar die Regel sein, wenn sich das Klima weiter so entwickelt wie bisher. Gleichzeitig kommen Starkniederschläge, Hochwässer, Schlammlawinen, Erosion, Ernteausfälle etc.

Doch das alles muss ja nicht sein: Eine der einfache und billige Lösung ist eine Umstellung unserer Landnutzung, wie sie z.B. auf http://baumfeldwirtschaft.de angeboten wird. Durch die Anlage von gehölzbasierten Produktionssystemen schaffen wir klimawandelsichere Landwirtschaftsbetriebe, stabile Gärten und Siedlungsstrukturen, die auch in Zukunft nicht überhitzen. Doch wer berichtet über diese Lösungsmöglichkeiten?

Bisher gibt es dazu leider kaum Berichterstattung. Diese wird aber dringend gebraucht, damit die Leute, die Land nutzen, also vor allem Bauern und Bäuerinnen, an die notwendigen Informationen kommen. Denn dass es Probleme gibt, merken diese schon lange und suchen nach Lösungen. Was es braucht ist also der Brückenschlag zwischen Leuten, die Lösungen anbieten und denen, die sie brauchen. Deshalb rufe ich dazu auf, so vielen Menschen wie möglich davon zu berichten, wie einfach es sein kann, das eigene Land oder die gemeinde, ind er man lebt, umzugestalten, so dass diese Orte auch in Zukunft eine stabile Basis für ein Einkommen und ein gutes Leben bieten.

Ich wünsche mir Schlagzeilen wie:

„Bauer freut sich über stabile Erträge – dank Investition in Agroforst-Planung“

„Acker weicht Baumkulturen – keine Probleme mehr mit Klimawandel“

„Forstwirt sagt der Dürre den Kampf an“

„Trotz Dürre: Nussbaum-Ertragsanlagen in Brandenburg mit Rekordernte“

„Bauer steigt auf Agroforst um – kein Wassermangel mehr“

„Klimawandel umkehrbar – mit Bäumen runter vom Holzweg“

„Vom Hochwasserentstehungsgebiet zum Wasserspeicher – mit Humusaufbau und Bäumen wachsen reichhaltige Produktionslandschaften“

„Dorf bleibt im Sommer kühl – Bürger*innen danken Agroforst-Pionier“

„Essbare Stadt krisensicher, Einwohner*innen zufriedener“

„Naturschutz und Jagd zufrieden – Agroforstsysteme steigern Struktur- und Artenvielfalt“

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Baumfeldwirtschaft in Zeitschrift „OYA“

In der 51. Ausgabe („Garten Erde“) der Zeitschrift OYA erschien kürzlich mein Artikel über die Geschichte der Baumfeldwirtschaft und ihr Potential für die Zukunft unter dem Titel „In einer Waldlandschaft…“.

Kürzlich erschien in der Zeitschrift OYA mein Artikel über die Geschichte der Baumfeldwirtschaft und ihre Bedeutung für die Zukunft. Er kann unter dem von der Redaktion gewählten Titel „In einer Waldlandschaft…“ auch online gelesen werden. Ich empfehle, vorher den brillianten Artikel „Am Anfang war die Esskastanie“ meines Kollegen Florian Hurtig zu lesen, da ich vieles zur Frühgeschichte und zum Hintergrund der Idee der Baumfeldwirtschaft aus meinem Text herausgekürzt habe, weil ich wusste, dass Florians Artikel in dieser Ausgabe erscheinen würde. Insgesamt ist die neue Ausgabe (Nr. 51) der OYA eine sehr empfehlenswerte Zusammenstellung für einen Einblick in die Idee der regenerativen, hölzernen Landwirtschaft.

Artikel „In einer Waldlandschaft…“ von Philipp Gerhardt: https://oya-online.de/article/read/3065-in_einer_waldlandschaft.html

Artikel „Am Anfang war die Esskastanie“ von Florian Hurtig: https://oya-online.de/article/read/3067-am_anfang_war_die_esskastanie.html

Zeitschrift „OYA“ abonnieren: https://oya-online.de/order/abo.html
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Keine regenerative Güterversorgung ohne nachhaltigen Transport

Szene aus dem Film „Klar zur Wende – Rückenwind für Frachtsegler“: Darstellung der stetig wachsenden Schadstoffbelastung aus Schiffsemissionen über Europa.

Ein Thema, das mich schon lange bewegt, wurde kürzlich vom Fernsehsender Arte aufgegriffen und mit einer Doku gewürdigt:

Es geht um die gewaltigen Umweltschäden des globalen Frachtverkehrs zur See. Abgesehen von den Schadstoffemissionen aus Schweröl, die weit über Europa verblasen werden und sogar in Berlin oder Warschau noch (mit dem Preis billiger Überseeprodukte) unbezahlte Gesundheitsschäden hervorrufen, ist der Treibhausgasausstoß ein ungelöstes Problem. Der Film zeigt, wie Pioniere an die alte Tradition der Frachtsegler anknüpfen und neue Wege entwickeln, wie ein Güterverkehr ohne fossile Brennstoffe aussehen könnte.

Dabei geht es nicht nur um technologische innovation, sondern auch zu einem guten Teil um das Überdenken unserer Haltung zum Konsum von Gütern. Wann und wie oft müssen wir bestimmte Dinge haben?

Der Film „Klar zur Wende – Rückenwind für Frachtsegler“ läuft derzeit auf Arte.tv und zeigt anschaulich, wie traditionelles Wissen mit modernen Methoden genutzt werden kann, um eine regenerative Zukunft zu schaffen – nicht ohne unsere Haltungen zu überdenken!

Stellen wir uns diese Fragen, so kann einerseits der Frachtverkehr mit einer Renaissance des Segelns revolutioniert werden, auf der anderen Seite wäre es für ein gutes Leben auf diesem Planeten sicherlich auch förderlich, ihm nicht nur einen „grünen Anstrich“ zu verleihen, sondern das zugrundeliegende System zu hinterfragen. Der Film „Klar zur Wende – Rückenwind für Frachtsegler“ ist daher auch für Überlegungen zur „hölzernen Revolution“ in der Landwirtschaft inspirierend. Auch dort können wir auf altes Wissen zurückgreifen, es um die Erkenntnisse der modernen Wissenschadft ergänzen und in eine regenerative Zukunft investieren – jedoch nicht, ohne unsere Produktions- bzw.

Versorgungssysteme zu entschleunigen und solidarökonomisch zu organisieren.

Der Dokumentarfilm ist noch bis 29.11.2018 unte folgendem Link abrufbar:

https://www.arte.tv/de/videos/048615-000-A/klar-zur-wende/

 

 

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Zukunftsweisendes aus der Vergangenheit

„Es liegt außer allem Zweifel und wird bei unbefangenen Beobachtungen sich gewiß noch bestätigen, daß sich bei der Baumfelderwirthschaft die Bodenkraft und Frische, sohin die Fruchtbarkeit länger und besser erhält, als auf kahlen Fluren, wo man selbst mit allen möglichen künstlichen Düngungsmitteln die Fruchtbarkeit immer mehr abnehmen sieht. Die Nothwendigkeit und der wohlthätige Einfluß der schützenden Bekleidung des Bodens durch größere Vegetabilien (Bäume) tritt bei unbefangener Anschauung der Natur überall unverkennbar hervor.“

So schreibt ein anonym gebliebener Autor in einem von Eugen Neureuther illustrierten Buch im Jahre 1856, „Die Holzzucht außerhalb des Waldes“ (s.u.). Diese und weitere spannende Erkenntnisse aus einer Vergangenheit, in der wie heute einige Denker und Denkerinnen ihrer Zeit weit voraus waren, kann man mittlerweile auch online im Original lesen. Mehr dazu bei der Bayrischen Staatsbibliothek München: https://reader.digitale-sammlungen.de/de/fs1/object/display/bsb10386002_00104.html

Baumfelder. Aus: Die Holzzucht außerhalb des Waldes, zum Vortheile der ländlichen Oekonomien und zur landschaftlichen Verschönerung Bayerns: für Grundbesitzer, Land- und Forstwirthe, Stadt- und Landgemeinden. Neureuther, Eugen Napoleon (Hrsg.) ; 1856. Palmer-Verlag, München.
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Einsamkeit, Präsenz und Nachhaltigkeit

Präsenz ist mehr als bloße Anwesenheit.

Für mich bedeutet präsent sein, authentisch da zu sein, Zeuge der eigenen und der Gefühle anderer zu sein und mit all diesen nach bestem Können liebevoll umzugehen. Auch wenn ich nicht immer etwas für andere oder für mich tun kann, so erfüllt es mich doch, wenn ich den liebevollen, ernstgemeinten Versuch erkenne.

Wenn wir umgeben sind von Menschen, die zwar da, aber nicht wirklich präsent sind, werden wir einsam. Wir finden keinen Kontakt, keine Berührung mit anderen oder uns selbst.

Einsamkeit ist mehr als Alleinsein.

Denn Alleinsein ist selbst gewählt, Einsamkeit ungewollt. Und einsam sein kann man eben auch, wenn man von vielen Menschen umgeben ist.

Ohne Kontakt und Berührung, wirklich einsam,  kann man auch sein, wenn man physisch berührt wird.

Diese Einsamkeit ist eine unglaublich schmerzvolle, gewaltsame Erfahrung.

Deshalb brauchen wir es, präsent zu sein. Der größte Teil der Menschheit sehnt sich nach Präsenz, also nach Authentizität, Liebe und Geborgenheit. Nach dem Ende der Einsamkeit.

Welche Strukturen brauchen wir, um einen authentischen, liebevollen Kontakt zu haben, der uns erfüllt, die Einsamkeit nimmt und uns wirklich miteinander verbindet?

Was müssen wir dafür können, was sollten wir jedem kleinen Menschen mit auf den Weg geben?

Wie müssen wir unsere Umgebung gestalten, um das zu erreichen?

Ich bin mir sicher, dass Verbindung und Geborgenheit lernbar sind. Aber sie sind ein Gemeinschaftswerk, ein Allmendegut. Einserseits braucht es dazu physische Räume, die uns auf allen Ebenen nähren. Auf der anderen Seite müssen auch immaterielle Räume geschaffen werden, die es noch viel zu wenig gibt: Umgebungen, in denen wir sein dürfen, wie wir sind, ohne verurteilt oder bewertet zu werden. In denen wir weinen dürfen, Lust haben, Freude haben an und Angst vor den Dingen, die wir persönlich fürchten oder uns wünschen.

Der Weg dahin ist noch weit. Ich werde ihn weiter gehen mit dem Versuch, Landschaft, Dörfer, Gemeinden etc. zu gestalten, die ökologisch stabil sind und Geborgenheit schaffen können. Ich werde weiter daran arbeiten, authentisch zu sein und andere zur Authentizität zu ermutigen. Ich will damit einen gewaltfreien Raum schaffen, in dem man wirklich präsent sein kann, empathisch mit sich selbst und anderen.

Denn erst mit dem ehrlichen Kontakt von Herz zu Herz, von Seele zu Seele, wird die Einsamkeit zurücktreten und wir bekommen die Möglichkeit, unser Miteinander und den Umgang mit unserer Umwelt gemeinsam zu gestalten.

Nur wenn wir nicht mehr den Schmerz der Einsamkeit in uns herumtragen, können wir mit voller Kraft etwas weiteres möglich machen, das wir dringend brauchen:

Nachhaltigkeit.

 

 

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Sommerloch für die Bienen?

In traditionellen Bauerngärten (hier: Im Waldviertel, Österreich) gibt es oft über lange Zeit viel Pollen und Nektar für Bienen und andere Insekten. Hier summt und brummt es z.B. bis in den Juni hinein im Senf. Auch die regenerativen Materialien dienen früher oder später als Lebensraum für Insekten, z.B. Schlupfwespen und Wildbienen.

Imker klagen häufig darüber, dass bei den Feldfrüchten für Bienen ab Mitte/Ende Mai nicht mehr viel Pollen und Nektar abfällt und die Völker im Sommer oft regelrecht hungern. Doch muss das so sein? Was ist die Ursache für dieses „Sommerloch“?
Schaut man sich Landnutzungsregime früherer Zeiten an, fällt auf, dass es dort eine Vielzahl sowohl an einjährien Pflanzen, als auch an Gehölzen gab, die weit ins Jahr hinein Brühten und dementsprechend als Lebensgrundlage für Bienen und andere Insekten dienen konnten. In Den Bauerngärten blühten neben für die Nahrungsversorgung angebauten Pflanzen wie z.B. dem Senf zahlreiche Medizinpflanzen oder auch solche, die zur Zierde oder aus altem Brauch rund ums Haus wuchsen. Akelei, Fingerhut und Stockrosen sind z.B. dabei, aber auch Gehölze wie der Hartriegel, die Mispel oder die Quitte blühen spät, mitunter in den Juni hinein. Besonders wichtig sind aber die Linden, die im Frühsommer meist jedes Jahr reichhaltig blühen.
Früher wusste man um den Wert dieser herrlichen Bäume und dieses Wissen wurde von Generation zu Generation weitergegeben. Heute verschwinden sie leider zusehends, „weil sie so viel Dreck machen“, wie man oft sagt. Oder sie werden gekappt, zurechgestutzt oder überhaupt nur als Buschbaum gehalten. Welche Pracht waren dagegen die mächtigen Dorflinden von einst? Man nutzte sie als Gerichtslinden, als kühlen Platz für gemeinschaftliches Leben und Arbeiten im Sommer, für gemeinsame Entscheidungen oder auch als Orte für Tanz und Musik. Sie wurden als Alleebäume gepflanzt, die die Wege der Menschen behüteten, den Staub fingen und ihren kühlen Schatten auf die Reisenden warfen. In einem Land, das voll war mit solch nützlichen Bäumen, hatten natürlich auch die Bienen ihren Anteil und bekamen dadurch viel Nektar und Pollen.
Es ist also nicht nur die

Leider fehlen in der industriellen Land(wirt)schaft (hier: Niedersachsen, Deutschland) nicht nur solche mit bedacht angelegten Gärten, sondern auch viele andere Elemente, die die Menschen früher schon als wertvoll erkannt haben, wie z.B. Feldraine, Knicks, Alleen, Hausbäume, Dorflinden usw.

stumpfe Eintönigkeit Mitteleuropäischer Felder, die aufgrund globalisierter Arbeitsteilung nur noch das produzieren, was billiger zu machen ist als anderswo und von der Konsummaschinerie deshalb noch von hier verlangt wird, sondern vor allem der Mangel an Landschaftselementen, die in früheren Zeiten den Lebensraum für Bienen und andere Insekten bereitgestellt haben.
Was können wir davon lernen? Es ist neben der tatsächlich nachhaltigen Nutzung des Bodens durch regenerative Praktiken auch eine dringende Aufgabe, die Produktionssysteme ein Stück weit zurückzunehmen und wieder Raum zu lassen für die Elemente, die wir vergessen haben, die aber unbedingt notwendig sind, um die Stabilität und Produktivität unseres Lebensraumes als ganzes zu erhalten. Wir brauchen die Alleen, die Dorflinden, die Hausbäume, die Hecken und Knicks, die Feldraine und Sölle! Sie sind ein wesentlicher Bestandteil regenerativer Landwirtschaft. So wie bei einem Wagen, der einen Antrieb braucht, aber nicht ohne Räder auskommt, dürfen wir nicht vergessen, diese in gutem Zustand zu halten und regelmäßig zu pflegen und zu erneuern. In regenerativen Landnutzungssystemen müssen wir sie deshalb unbedingt mit einplanen und Ressourcen dafür mit einkalkulieren.

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„Ein Paradies gedeiht nur durch Liebe und Freude!“

Im Jahr 1819 erschien Cottas ‚Baumfeldwirthschaft‘.  Hier ein kleiner Auzug, den ich aus dem Original abgeschrieben habe:

„Welch ein Anblick bei uns, auf vielen meilenweiten Strecken Felder, Wege, Raine, Teiche und Bach-Ufer ohne Baum zu finden! Dann noch die düstern Brachfelder! Aber selbst auch die wallenden Saatfelder, was sind sie ohne Laubgewölbe? Wie ermüden sie – wie stimmen sie das Gemüth zur Monotonie, wenn nichts den flachen Anblick bricht, das Auge auf keinem fesselnden Punkte ruhen und sich auch des schönen freuen kann?

Dagegen ein wahrer Oekonomie-Garten wie Hoschitz – so nützlich und doch so schön! Oder meilenweite liebliche Fluren, wie das reizende Kuhländchen in Mähren!

Wie aber die todte, gelbe oder braune Steppe in eine lebendige, durch frisches Grün erst gehobene Landschaft umwandeln?

Man höre, überlege, führe aus:
1) Jeder Gutsherr, jeder Landmann bepflanze Straßen, Raine und Grenzen mit Bäumen.
2) Jeder Gutsbesitzer, jede Gemeinde lege die nöthigen Baumschulen an. Diese bestimme dazu einen Gemeindeplatz, bepflanze ihn unter Leitung und Hülfe des Schullehrers und der Jugend. Der Pfarrherr und der herrschaftliche Gärtner führen die Aufsicht.
3) Schneller ins Paradies zu kommen, werden gleich junge Obstbäume angekauft, und wenigstens damit die Grenzen abgetheilt.
4) Der Nutzen bleibe den Pflanzern.
5) Die Raine besetze man in gehöriger Entfernung mit Obstbäumen. Die Landstraßen, Feldwege, Ufer der Bäche und Teiche mit den schatten- und zuckerreichen Ahornen.
6) Zur Oberaufsicht, Pflege und Beförderung des Ganzen ernenne die Regierung für jeden Kreis einen Plantagen-Commissair, der bei gründlicher Kenntniß das Aufmuntern besser als das Befehligen verstehe.
7) Jeder größere Güterbesitzer stelle einen eigenen Plantagen-Director an, und sehe bei der Wahl vorzüglich auf einen Mann, den nicht das Amt zur Pflicht, sondern Lust und Freude zum Amte rufe. Ein gemeiner Lohn-Oekonom taugt hierzu nicht. Ein Paradies gedeiht nur durch Liebe und Freude! Es giebt Menschen mit freier Muße, voll Enthusiasmus für einen Wirkungskreis dieser Art. Solche wähle man!

Welche eine Idee, welch ein Anblick, wenn so in wenigen Jahren die ganze Monarchie in ein irdisches Paradies umgeschaffen wäre! Ueberall Genuß und Nutzen! Ueberall Schatten, Obdach und Erndte! Holz gegen Frost, Obst zur Sättigung und Erquickung, Zucker für den Gaumen, Weingeist zur Stärkung – alle Reisen in den milderen Jahreszeiten nur Lustwandlungen durch einen unermesslichen Garten!“

Aus „Die Verbindung des Feldbaues mit dem Waldbau oder die Baumfeldwirthschaft“, von Heinrich Cotta, Dresden 1819, Arnoldische Buchhandlung.

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Was ist eigentlich ein Waldgarten?

Im Waldgarten werden auf kleiner Fläche mit unterschiedlicher Gehölzüberschirmung Pflanzen, Pilze und Tiere genutzt, gepflegt und gestaltet, um für den Menschen wichtige Güter und Leistungen bereitzustellen. Das Modellökosystem dafür ist die teiloffene temperierte Baumlandschaft mit Einfluss von Großherbivoren.

Was ist eigentlich ein „Waldgarten“?
Diese Frage wird immer wieder gestellt und der Begriff wird oft in verschiedenen Kontexten unterschiedlich und sehr individuell verwendet. Hier möchte ich einmal darüber nachdenken, was für mich (im temperierten Klima) ein „Waldgarten“ ist:

Viel Verwirrung entsteht schon, da im englischen Sprachraum oft „forest gardening“ mit „Permakultur“ gleichbedeutend verwendet wird. Das ist dann durch Übersetzungen auch ins Deutsche übertragen worden, wobei es auch explizite Unterscheidungen gibt (z.B. Permakulturkurse, die einen gesonderten „Waldgarten“-Teil beinhalten). Da ich aber aus den Forstwissenschaften komme und aus ökologischen Grundüberlegungen und der Einbeziehung ihrer klassischen Disziplinen meine Gestaltungsansätze herleite, nähere ich mich dem Thema jedoch von einer anderen Seite:

Wenn ich mich einer Definition annähern würde, würde ich erstmal die Teile des Wortes betrachten: Wald und Garten.
Wald ist eine zu mindestens 10% von Gehölzen überschirmte Fläche von mindestens 0,5 Hektar, laut UN. Das ist bewusst so gewählt, um auch in ariden Gebieten Wälder zu finden und diese dementsprechend bewirtschaften undvor allem schützen zu können. Sicher ist auch ein wenig Greenwashing dabei, damit auch noch völlig übernutzte Gehölzbestände als Wald gelten. Das Bundeswaldgesetz hingegen meint, dass Wald einfach eine mit „Forstpflanzen“ bestockte Fläche ist, plus einige Bestimmungen, was eben kein Wald sei.
Das Problem bei der ganzen Geschichte ist, dass diese Definitionen alle auf der forstwirtschaftlichen Sichtweise Mitteleuropas beruhen, die über die unterschiedlichen Instanzen der EU und der UN auch in die global gültigen Definitionen Eingang gefunden hat. Es geht dabei eben immer um eine hauptsächliche Betrachtung der Gehölzkomponente; das innere Bild, das wir von Wäldern mit uns herumtragen, ist eines von hohen Bäumen und geschlossenem Kronendach. Herausgebildet hat sich dieses Verständnis von Wald aber hauptsächlich im 19. Jahrhundert. Dabei ist spannend, dass einer der Begründer der Forstwissenschaften in Deutschland (und überhaupt), Heinrich Cotta, in einem seiner späteren Werke eine völlig andere Sichtweise vertreten hat: In der ‚Baumfeldwirthschaft‘ schreibt er im Jahr 1819(!), dass wir in der Landschaft Systeme schaffen sollten, die Holzproduktion, Viehaltung und den Anbau von Feldfrüchten kombinieren. Dadurch würden sich die Fruchtbarkeit und die Stabilität maßgeblich erhöhen und die Menschen seien langfristig mit Nahrung und anderen wichtigen Produkten besser versorgt. Erstaunlich auch, dass dies für das temperierte Klima Mitteleuropas dem ökologischen Modell der teilweise offenen Baumlandschaften entspricht, das in der Großherbivorentheorie ab den 2000er Jahren von Vera und anderen Forschern skizziert wurde und seit dem Eingang in die Ökologie und andere Forschungsdisziplinen gefunden hat.
Damit könnten wir, so Cotta 1819, ‚das Paradies auf Erden‘ schaffen, nur täten wir das nicht, weil gesellschaftliche Eliten (Industrielle und Adlige) an der Trennung verdienten. Somit kam auch der schärfste Gegenwind von Seiten der (späteren) Anhänger der Bodenreinertragslehre, die Waldbau als Kapitalanlage propagierte und darauf drängte, nur solche Maßnahmen im wald durchzuführen, die mit einer Anlage am Kapitalmarkt konkurrenzfähig wären. Leider hat sich diese damals durchgesetzt und so für lange Zeit unsere Idee von Wald, unsere Landschaft und unsere Haltungen geprägt.
Sehr spannend sind da übrigens die vielen Briefwechsel und Artikel, in denen z.B. Cotta und Pfeil für eine Landnutzung als ‚Ersten Erhalt des Lebens‘ eintreten (Motto: Ein jeder Förster sollte sich was schämen, der nicht für die Abdeckung aller menschlichen Bedürfnisse pflanzt und säht und die Bevölkerung teilhaben lässt) und auf der anderen Seite Forstleute wie Hundeshagen oder Preßler, die für eine rein mathematisch-ökonomische Betrachtung von Wald eintraten.

Wir sehen also, dass Wald einerseits hauptsächlich als Gehölzsystem betrachtet wird, andererseits aber auch schon lange eine eher ökosystemare Sichtweise existiert, die Boden, Wasserhaushalt, Tiere, Pilze  und Pflanzen mit einbezieht und bei der auch der Einfluss des Menschen in Form von nutzungen und Gestaltung eine Rolle spielt, so dass der „Wald“ fließend in andere Landnutzungsformen und Ökosysteme übergeht.

Hierbei kommen wir schon dem zweiten Teil des Wortes „Waldgarten“ näher, nämlich dem Garten. Dieser meint eine abgegrenzte, intensiv genutzte und gestaltete Landfläche, die Menschen für die Produktion verschiedener Güter und Leistungen (z.B. auch ‚Erholung‘) gebrauchen. Folgt man der Sichtweise einiger Forstlicher Klassiker, so könnte man das schon fast auf den Wald anwenden, wenn hierfür Gehölze verwendet werden. So ist der Wald im Cotta’schen Sinne einfach eine intensiv gestaltete Landnutzung, die von der ‚Landwirtschaft‘ lediglich durch die Nutzung von Bäumen anstelle von einjährigen Pflanzen als hauptsächlichem Produktionsmittel zu unterscheiden ist, und die Übergänge können fließend sein. Nur die Abgrenzung durch mehr oder weniger bauliche Maßnahmen, die den Garten ausmacht, fehlt bei Land- und Waldwirtschaft und auch bei Agroforstsystemen, also den Cotta’schen Baumfeldwirtschaften. Daher ist die Kleinflächigkeit und Intensität der Nutzung und gestaltung ein wichtiges Merkmal des (Wald-)Gartens.

Wenn wir den Wald als Ökosystem betrachten, reicht es nicht aus, nur die Gehölzkomponente zu sehen. Zu seinem dauerhaften Bestehen braucht es auch andere Pflanzen, Pilze und Tiere, die viele wichtige Rollen erfüllen. Allein in natürlichen Ökosystemen führt der Einfluss von Tieren und anderen Störungen dazu,  dass die Übergänge zwischen Gehölzkomplexen und offeneren Landschaftsteilen fließend sind. Auch der Mensch kann in seiner Nutzung und Gestaltung ganz andere Strukturen schaffen, als es unser inneres Bild von „Wald“ oft vorgibt.
Dies alles zusammen genommen,  ist der Waldgarten eine abgegrenzte, umfriedete Fläche, auf der Tiere, Pilze und Pflanzen mit einer merklichen Überschirmung durch Gehölze intensiv gepflegt, genutzt und gestaltet werden, um für den Menschen wichtige Güter und Leistungen, z.B. Nahrung, Witterungsschutz, Holz, Erholung etc., zu erbringen.
Vielleicht ist aber tatsächlich der Begriff „Waldgarten“ irreführend, da er auf unseren Denkrahmen vom geschlossenen Wald, also dem forstlichen ‚Hochwald‘, zurückgreift. Treffender wäre wohl etwas, das die vielen wichtigen Aspekte solcher Systeme kurz und bündig zusammenfasst. Dafür ein Wort zu finden, ist mir jedoch bisher nicht gelungen. „Langfristig stabile, temperierte Baumlandschaft mit geschlossenen Stoffkreisläufen und Potentialaufbau zur Bereitstellung wichtiger Güter und Leistungen für den Menschen unter Nutzung und Gestaltung diverser Ökosystemkomponenten im Gartenmaßstab“ ist es jedenfalls nicht 🙂
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Traum

von Hermann Hesse

Es ist immer derselbe Traum:
Ein rot blühender Kastanienbaum,
Ein Garten, voll von Sommerflor,
Einsam ein altes Haus davor.

Dort, wo der stille Garten liegt,
Hat meine Mutter mich gewiegt;
Vielleicht – es ist so lange her –
Steht Garten, Haus und Baum nicht mehr.

Vielleicht geht jetzt ein Wiesenweg
Und Pflug und Egge drüber weg,
Von Heimat , Garten, Haus und Baum
Ist nichts geblieben als mein Traum.

Von welchen Landschaften träumen wir? Und wie sieht es um uns herum aus? Warum?