Agroforstsystem mit Pioniergehölzen

vielfältige Agroforstwirtschaft steht auf dem Spiel

Liebe Mitstreiter*innen für eine klimagerechte Landwirtschaft,

 
im Bundesrat hat das Land Thüringen einen Entschließungsantrag zur Agroforstwirtschaft (Drucksache 420/21) eingebracht. Ziel ist, dass Landwirten endlich ermöglicht wird, ohne große Hürden Bäume auf ihre Äcker und Wiesen zu pflanzen, also vielfältige Agroforstsysteme anzulegen. Dies würde für Klimaschutz und Biodiversität einen enormen Fortschritt bedeuten, denn

– In Agroforstsystemen wird bedeutend mehr Humus aufgebaut und Kohlenstoff gebunden als in „normaler“ Landwirtschaft1–4

– Das Lokal- und Regionalklima lässt sich nachweislich signifikant abkühlen5–7

– Locker mit Bäumen durchsetzte Landschaften sind am besten für die Grundwasserneubildung und sichern die Trinkwasserversorgung8

– Agroforstsysteme schützen Gewässer und Böden vor Schadstoffen9–11

– Erosion wird vermieden, da die Böden mehr Wasser aufnehmen können und der Wind gebremst wird11,12

– Die Nahrungsmittelproduktion wird gegenüber Dürren und Unwettern stabilisiert, da Getreide etc. vor Austrocknung und Wind geschützt werden13,14

– Landwirtschaftliche Erträge können gesteigert werden: In Brandenburg wurden in Agroforstsystemen bis zu 16% Mehrertrag im Getreide festgestellt13

– Bäume produzieren den Großteil der Bioaerosole, die wiederum den Großteil der Wolkenbildung tragen: Ein deutlicher Mehrwert für den Klimaschutz über die Kohlenstoffbindung hinaus!8,15,16

– Schon einfache Baumstreifen mit schnellwachsenden Arten bieten Lebensraum für fast das 10fache an Arten im Vergleich zu Äckern ohne Bäume14,17

– Agroforstsysteme haben diese und weitere positive Effekte, egal ob der Betrieb konventionell, bio, demeter etc. arbeitet!

Doch nun könnte durch einen Änderungsantrag des baden-württembergischen Umweltministerium das ganze kippen! Demnach sollen nur „extensive Agroforstsysteme“ gefördert werden, nur „einheimische Gehölze“ sollen erlaubt sein, und die Pflanzung muss durch die Naturschutzbehörde genehmigt werden. Das wäre für die Wiederbegrünung unserer Landschaft und für den Klimaschutz ein schwerer Schlag – denn viele Landwirte wollen Klima, Gewässer, Böden etc. schützen, sie benötigen dabei aber einen Ertrag von ihren Flächen. Im Klimawandel braucht es dazu robuste Pflanzenzüchtungen und sicher auch Arten, die wir bisher hier nicht anbauen.

Sollte der Änderungsantrag durchgehen, ist zu befürchten, dass man sich bei der Ausgestaltung an bestehenden Verordnungen über gebietsheimische Arten und alte Sorten orientiert. Dann könnten Landwirte z.B. keine für den Obstbau neu gezüchteten Sorten oder hitzetolerante Fruchtgehölze aus wämeren Gegenden anbauen – das Aus für wichtige Klimabäume wie Esskastanie oder Baumhasel oder z.B. für trockenheitstolerante Apfelsorten.

Auch neu gezüchtete Pappeln oder Weiden, die mit Dürre und Wetterextremen klarkommen wären tabu – wo wir doch dringend auf nachwachsende Rohstoffe umsteigen müssen!

Ich habe als Planer allein in den letzten 2 Jahren hunderte Hektar sehr diverse Agroforstsysteme mit Betrieben umgesetzt und bei tausenden Hektar beraten. Die Landwirte wollen etwas ändern! Wenn wir ihnen jetzt Steine in den Weg legen wird unsere nicht klimagerechte Agrarlandschaft auf Jahrzehnte zementiert. Hier leistet der Naturschutz der Verwüstung Vorschub und das baden-württembergische Umweltministerium macht mit.

Bitte macht in eurem Umfeld bzw. über eure Kanäle auf die Problematik aufmerksam oder wendet euch direkt an das baden-württembergische Umweltministerium:

poststelle@um.bwl.de

Wir brauchen die Möglichkeit, die Landschaft klimagerecht umzubauen. Dazu müssen wir mit Bedacht, aber konsequent neue Baumarten pflanzen und brauchen auch neue Sorten. Die Agrarlandschaft mit ihren oft großen Freiflächen ist im Klimawandel nicht haltbar, da sie zu Austrocknung und Überhitzung beiträgt. Wir brauchen die Freiheit, diese Strukturen zu verändern. In der Produktionsfläche der Landwirtschaftsbetriebe müssen diese entscheiden können, welche Bäume sie pflanzen – nur so werden viele ihre Flächen und damit die Landschaft klimagerecht umbauen. Dogmatisches Festhalten am Schutz einzelner Arten oder an einem von der Verschiebung der Klimazonen schon überholten Naturbild sind jetzt kontraproduktiv.


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Dipl.-Forstwirt Philipp Gerhardt

http://baumfeldwirtschaft.de
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Mehr Infos zum Antrag im Bundesrat unter

https://www.topagrar.com/energie/news/kritik-der-abl-thueringens-agroforst-antrag-im-bundesrat-droht-zu-scheitern-12601663.html?utm_campaign=index&utm_source=topagrar&utm_medium=referral

https://www.l-iz.de/melder/wortmelder/2021/06/thueringens-initiative-im-bundesrat-fuer-die-agroforstwirtschaft-droht-zweckentfremdung-397825

https://www.bundesrat.de/SharedDocs/beratungsvorgaenge/2021/0401-0500/0420-21.html?nn=4353186
 
Problematische Änderungen in der Ausschussempfehlung (siehe Nummer 4a – neu):
https://www.bundesrat.de/SharedDocs/drucksachen/2021/0401-0500/420-1-21.pdf?__blob=publicationFile&v=1

Vielen Dank für die Initiative, die wichtige Lobbyarbeit und die Zusammenstellung der Links an meinen Kollegen Daniel Fischer, Agroforst-Beauftragter der AbL Mitteldeutschland e.V.!



Quellen:

1. Schwarzer, S. The potental of carbon sequestraton in the soil. Foresight Brief – Early Warning, Emerging Issues and Futures 13 (2019).

2. Cardinael, R. et al. Increased soil organic carbon stocks under agroforestry: A survey of six different sites in France. Agriculture, Ecosystems & Environment 236, 243–255 (2017).

3. Mohan Kumar, B. & Nair, P. Carbon sequestration potential of agroforestry systems: Opportunities and challenges. advances in agroforestry 8. Springer Science and Business Media (2011).

4. Mosquera-Losada, M. R., Freese, D. & Rigueiro-Rodríguez, A. Carbon Sequestration in European Agroforestry Systems. in Carbon Sequestration Potential of Agroforestry Systems (eds. Kumar, B. M. & Nair, P. K. R.) vol. 8 43–59 (Springer Netherlands, 2011).

5. Tölle, M. H., Gutjahr, O., Busch, G. & Thiele, J. C. Increasing bioenergy production on arable land: Does the regional and local climate respond? Germany as a case study. J. Geophys. Res. Atmos. 119, 2711–2724 (2014).

6. House-Peters, L. A. & Chang, H. Modeling the impact of land use and climate change on neighborhood-scale evaporation and nighttime cooling: A surface energy balance approach. Landscape and Urban Planning 103, 139–155 (2011).

7. Layton, K. & Ellison, D. Induced precipitation recycling (IPR): A proposed concept for increasing precipitation through natural vegetation feedback mechanisms. Ecological Engineering 91, 553–565 (2016).

8. Ellison, D. et al. Trees, forests and water: Cool insights for a hot world. Global Environmental Change 43, 51–61 (2017).

9. Kumar, S. Agroforestry and grass buffers for improving soil hydraulic properties and reducing runoff and sediment losses from grazed pastures. (University of Missouri–Columbia, 2009). doi:10.32469/10355/9867.

10. Ryan, J., Mcalpine, C., Ludwig, J. & Callow, J. Modelling the Potential of Integrated Vegetation Bands (IVB) to Retain Stormwater Runoff on Steep Hillslopes of Southeast Queensland, Australia. Land 4, 711 (2015).

11. Anderson, S. H., Udawatta, R. P., Seobi, T. & Garrett, H. E. Soil water content and infiltration in agroforestry buffer strips. Agroforest Syst 75, 5–16 (2009).

12. Udawatta, R. P., Krstansky, J. J., Henderson, G. S. & Garrett, H. E. Agroforestry Practices, Runoff, and Nutrient Loss: A Paired Watershed Comparison. J. ENVIRON. QUAL. 31, 12 (2002).

13. Kanzler, M., Böhm, C., Mirck, J., Schmitt, D. & Veste, M. Microclimate effects on evaporation and winter wheat (Triticum aestivum L.) yield within a temperate agroforestry system. Agroforestry Systems 93, 1821–1841 (2019).

14. Torralba, M., Fagerholm, N., Burgess, P. J., Moreno, G. & Plieninger, T. Do European agroforestry systems enhance biodiversity and ecosystem services? A meta-analysis. Agriculture, Ecosystems & Environment 230, 150–161 (2016).

15. Manoli, G. et al. Soil-plant-atmosphere conditions regulating convective cloud formation above southeastern US pine plantations. Glob Change Biol 22, 2238–2254 (2016).

16. Taraborrelli, D. et al. Hydroxyl radical buffered by isoprene oxidation over tropical forests. Nature Geosci 5, 190–193 (2012).

17. Unseld, R. et al. Leitfaden Agroforstsysteme – Möglichkeiten zur naturschutzgerechten Etablierung von Agroforstsystemen. (2011).

20210903-Gartenradio-Folge-459-Waldgaerten-und-Baumfeldwirtschaft

Keyline Design bei Berlin für Pflanzung vorbereitet

Derzeit werden die Vorbereitungen für die Pflanzung eines Agroforstsystems in der Nähe von Berlin abgeschlossen. Das System ist in einem Schlüssellinienmuster (siehe Keyline Design) strukturiert, so dass das Regenwasser bei Starkniederschlägen in der Fläche gehalten, an bestimmten Stellen gesammelt und so den Pflanzen für Trockenzeiten verfügbar gemacht wird. Gepflanzt werden Bäume wie z.B. die Walnuss oder Edelkastanie, die tief wurzeln, den Humusaufbau und Wasserrückhalt in der Fläche fördern und Nahrungsmittel Produzieren. Die Pflanzung wird im Spätherbst mit Studierenden der Forstlichen Hochschule Tharandt durchgeführt. Der Gründer dieser altehrwürdigen Einrichtung, Heinrich Cotta, würde sich sicher freuen, dass im Jahr des 200. Jubiläums des Erscheinens seiner „Baumfeldwirthschaft“ solch eine essbare Landschaft entsteht…

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‚Hothouse Earth‘ erklärt in 4 Minuten

Ich spreche oft darüber, wie drastisch die Konsequenzen des Klimawandels schon in Kürze sein werden und warum wir sehr dringend handeln müssen. Ein Team der Universität Stockholm hat für das Weltwirtschaftsforum im Frühjahr 2019 den aktuellen Stand der Forschung sehr anschaulich aufbereitet, so dass es eigentlich auch der/die letzte endlich verstehen müsste. Hier ist in 4 Minuten zusammengefasst, wohin die Reise geht, wenn wir nicht sofort massive Änderungen vornehmen:

Die Quelle der wissenschaftlichen Publikation, auf der diese Zusammenfassung basiert, ist diese:

Steffen, W., Rockström, J., Richardson, K., Lenton, T.M., Folke, C., Liverman, D., Summerhayes, C.P., Barnosky, A.D, Cornell, S.E., Crucifix, M., Donges, J.F., Fetzer, I., Lade, S.J., Scheffer, M., Winkelmann, R., and Schellnhuber, H.J. (2018) Trajectories of the Earth System in the Anthropocene. Proceedings of the National Academy of Sciences (USA), DOI: 10.1073/pnas.1810141115

Eine Zusammenfassung findet sich hier:

https://www.stockholmresilience.org/research/research-news/2018-08-06-planet-at-risk-of-heading-towards-hothouse-earth-state.html

 

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Blütenvielfalt statt Monokultur

Blühende Vielfalt: In diesem Agroforstsystem werden derzeit fruchttragende Bäume mit dem Anbau von Bienenweide und Gründüngung zum Humusaufbaui kombiniert.

Wo bisher ein Acker war, wird nun Humus aufgebaut und für Bienen und andere Insekten steht eine reichhaltige Blütenvielfalt bereit. Die anfängliche Investition lohnt sich nicht nur für den Betrieb, sondern auch für die umgebende Landschaft und die Bevölkerung. Schon jetzt freuen sich Imker im Umfeld über das Refugium für Ihre Nutztiere in der sonst so ausgeräumten Landschaft. Wenn man die Umgebung noch vor 2 Jahren durchwandert hat, wird man den Unterschied bemerken, denn nun wird es auch an heißen Sommertagen spürbar weniger heiß und trocken. In den kommenden Jahren wird sich das sicherlich noch verstärken und wir wollen hoffen, dass in der gesamten Landwirtschaft ein Umdenken geschieht. Vielleicht können wir doch noch flächendeckend zu einerPflegnutzung der Landschaft zurück kommen, die Artenvielfalt erhalten und das Klima stabilisieren? Packen wir es an!

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Der Waldgarten-Kuchen: Klimaschutz kinderleicht und lecker!

 

Ein Kuchen, der das Klima schützt? Ja, ganz einfach!

Wenn wir den Anbau von Gehölzen als Nahrungsmittellieferanten fördern, entwickelt sich als Gegenmodell zum Ackerbau, der keine nennenswerte Kohlenstoffbindung zulässt, eine „hölzerne Landwirtschaft“: Bäume, Sträucher und andere mehrjährige Pflanzen können die Basis einer gesunden Ernährung bilden und gleichzeitig durchwurzeln sie dauerhaft und tief den Boden, so dass Wasser und Nährstoffe gehalten werden. Sie schützen den Boden vor Wind und Austrocknung und unter ihnen entsteht wertvoller Humus im Boden, der große Mengen CO2 aus der Atmosphäre speichert. Dazu kommt eine Beweidung mit Rindern, Schafen, Hühnern etc., die uns wertvolle Produkte liefern und durch ihre Rolle im Ökosystem bei richtiger Bewirtschaftung ebenfalls zum Humusaufbau beitragen.

Das Rezept

Alle Zutaten aus Waldgärten / Agroforstwirtschaft, keine einjährigen Pflanzen!

400g Esskastanienmehl, 2 Eier, 125g Butter und eine Prise Salz zu einem Teig verkneten.

2/3 des Teigs in eine Springform drücken.

4-6 Stangen Rhabarber kleinschneiden und mit 100-200g Birkenzucker vermischen.

Den Rhabarber in die mit Teig ausgekleidete Form füllen, den Rest des Teigs als Streusel oben drauf. Das ganze bei ca. 180°C ca. 45 Minuten im Ofen (Ökostrom, Solarofen etc…) backen. Dann mit jung und alt im Schatten großer Bäume genießen.

 

Die Vision

Stellt euch mal vor, statt dürrer, staubiger Äcker hätten wir z.B. um Berlin herum eine lichte Wald-Weide-Landschaft. Die Bäume produzieren jedes Jahr Früchte wie Esskastanien oder verschiedene Nüsse, die zum krisensicheren Grundnahrungsmittel werden. In ihrem Schatten weiden Tiere und die Menschen genießen die Kühle und das Blätterrauschen im Wind. Dürreperioden werden abgemildert und es gibt wieder mehr Niederschläge und Trinkwasser… Überall summt, brummt und zwitschert es, weil auch die Insekten und Vögel wieder Nahrung und Lebensraum finden. Die Landschaft ist so schön, dass die Menschen wieder viel mehr draußen unterwegs sind, statt Autos, Unterhaltungselektronik und andere Ersatzbefriedigungen zu konsumieren. Der sinnlose Ressourcenverbrauch findet ein Ende und wir gewinnen den Kampf um ein stabiles Klima und ein gutes Leben für alle.

Übrigens

Besonders für Menschen interessant, deren Körper allergisch auf die industrielle, einjährige Landwirtschaft reagieren: Esskastanienmehl ist glutenfrei und sehr reich an Mineralstoffen. In Berlin gibt es z.B. die „Jute Bäckerei“, die ausschließlich glutenfrei bäckt und auch Brote mit Esskastanienmehl anbieten.

Ein Wald, der vor 200 Jahren als Esskastanien-Plantage angelegt wurde. Jedes Jahr können Menschen hier viele Tonnen Nahrung ernten, obwohl die landwirtschaftliche Nutzung schon vor langer Zeit aufgegeben wurde. Kein anderes Landwirtschaftssystem ist so lange produktiv!

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Die dünne Haut der Erde

In der derzeitigen Landwirtschaft wird der Boden immer wieder gestört, was zu massiven Verlusten an Biomasse im Boden, besonders an Humus führt. Dadurch schwindet die Fähigkeit der Böden, Nährstoffe und Wasser zu halten und bereitzustellen. Die Folge ist die Auswaschung von Nährstoffen, sinkende Erträge und die Emission großer Mengen von CO2 in die Atmosphäre.

Zu dieser Thematik gibt es jetzt eine Reportage des Deutschlandfunks mit dem Titel „Die dünne Haut der Erde“. In dieser kommt auch der engagierte Bauer Mark Dümichen zu Wort, mit dem ich zusammenarbeite. Er betreibt seit Jahren eine pflegliche Bodenbearbeitung mit minimalen Eingriffen, permanenter Begrünung und dem Einsatz von eigens hergestellten Bodendüngern („Kompost“). Er hat das Dürrejahr 2018 weit besser überstanden als so manch andere Bauern in Brandenburg und arbeitet schon an den nächsten Schritten in Richtung einer regenerativen Landwirtschaft. Derzeit erarbeite ich weitere Klimawandelanpassungsmaßnahmen für seinen Hof.

Die Reportage findet sich unter:

https://www.deutschlandfunkkultur.de/landwirtschaft-die-duenne-haut-der-erde

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Auf die Sorte kommt es an!

Auf die Sorte kommt es an! Eine veredelte Ertragssorte (Castanea crenata x sativa Bouche de Bétizac, links) und eine wilde Edelkastanie (Castanea sativa, rechts).

Pflanzt man Ertragssorten, so kann man z.B. bei Edelkastanien ab dem 2. oder 3. Standjahr mit jährlichen Erträgen rechnen. Bei einer Pflanze, die aus dem Samen gezogen wurde, setzt der Ertrag oft erst nach 10 oder mehr Jahren ein, Qualität, Größe und Regelmäßigkeit sind fraglich. Einen Ausweg bieten Populationszüchtungen, die vorerst aber in Europa noch nicht zu bekommen sind. Deshalb plane ich meine Anlagen immer mit erprobten Ertragssorten, was ich an dieser Stelle dringend empfehlen möchte. Besonders bei der Kastanie kommt hinzu, dass sie auf gewisse Krankheiten anfällig sein kann. Dann ist es wichtig, Baumschulware auszuwählen, bei der sowohl der Edelreis, als auch die Unterlage (!) die gewünschten Resistenzen aufweist.

gerade in Zeiten des Klimawandels darf man nicht mehr „irgendwas“ pflanzen. Es ist wichtig, sich damit auszukennen, welche Standortansprüche die Pflanzen haben und so zu planen, dass eine Anlage jetzt, aber auch mit hoher Wahrscheinlichkeit in der Zukunft Früchte produziert und an ihrem Standort stabil bleibt.

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Keine regenerative Güterversorgung ohne nachhaltigen Transport

Szene aus dem Film „Klar zur Wende – Rückenwind für Frachtsegler“: Darstellung der stetig wachsenden Schadstoffbelastung aus Schiffsemissionen über Europa.

Ein Thema, das mich schon lange bewegt, wurde kürzlich vom Fernsehsender Arte aufgegriffen und mit einer Doku gewürdigt:

Es geht um die gewaltigen Umweltschäden des globalen Frachtverkehrs zur See. Abgesehen von den Schadstoffemissionen aus Schweröl, die weit über Europa verblasen werden und sogar in Berlin oder Warschau noch (mit dem Preis billiger Überseeprodukte) unbezahlte Gesundheitsschäden hervorrufen, ist der Treibhausgasausstoß ein ungelöstes Problem. Der Film zeigt, wie Pioniere an die alte Tradition der Frachtsegler anknüpfen und neue Wege entwickeln, wie ein Güterverkehr ohne fossile Brennstoffe aussehen könnte.

Dabei geht es nicht nur um technologische innovation, sondern auch zu einem guten Teil um das Überdenken unserer Haltung zum Konsum von Gütern. Wann und wie oft müssen wir bestimmte Dinge haben?

Der Film „Klar zur Wende – Rückenwind für Frachtsegler“ läuft derzeit auf Arte.tv und zeigt anschaulich, wie traditionelles Wissen mit modernen Methoden genutzt werden kann, um eine regenerative Zukunft zu schaffen – nicht ohne unsere Haltungen zu überdenken!

Stellen wir uns diese Fragen, so kann einerseits der Frachtverkehr mit einer Renaissance des Segelns revolutioniert werden, auf der anderen Seite wäre es für ein gutes Leben auf diesem Planeten sicherlich auch förderlich, ihm nicht nur einen „grünen Anstrich“ zu verleihen, sondern das zugrundeliegende System zu hinterfragen. Der Film „Klar zur Wende – Rückenwind für Frachtsegler“ ist daher auch für Überlegungen zur „hölzernen Revolution“ in der Landwirtschaft inspirierend. Auch dort können wir auf altes Wissen zurückgreifen, es um die Erkenntnisse der modernen Wissenschadft ergänzen und in eine regenerative Zukunft investieren – jedoch nicht, ohne unsere Produktions- bzw.

Versorgungssysteme zu entschleunigen und solidarökonomisch zu organisieren.

Der Dokumentarfilm ist noch bis 29.11.2018 unte folgendem Link abrufbar:

https://www.arte.tv/de/videos/048615-000-A/klar-zur-wende/

 

 

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Keyline Design für SoLaWi umgesetzt

Durch Schlüssellinienkultur (Keyline Design) kann Wasser geleitet und gespeichert werden. Anbausysteme nach diesem Prinzip beugen nicht nur Erosion und Hochwässern nach Extremniederschlägen vor, sie machen Wasser auch in Dürreperioden länger verfügbar.

Für eine Solidarische Landwirtschaft in der Schweiz habe ich kürzlich eine Schlüssellinienkultur (Keyline Design) eingerichtet, die derzeit mit Gehölzkulturen bepflanzt wird. Durch die Anlage der Kulturen und eine zukünftige Bearbeitung mit einem Tiefenmeißel werden das im Boden ziehende Wasser und eventuelle Oberflächenabflüsse gezielt zu den trockeneren Teilen des Geländes geleitet und dort versickert. Die Gehölzkulturen mit ihren tiefgehenden Wurzeln sorgen für eine verstärkte Tiefensickerung und können auch in Trockenperioden das im Boden gespeicherte Wasser erreichen. Die Bemühungen der Bewirtschafter um Bodenbedeckung und Humusaufbau werden die Wasserhaltefähigkeit weiter begünstigen, so dass hier eine nachhaltige Versorgung auch unter den im Klimawandel zunehmenden Dürren gewährleistet werden kann.

Werden solche Systeme in weiten Teilen einer Landschaft eingesetzt und ersetzen z.B. Ackerbau, so ist außerdem mit einer Abkühlung der Landschaft, einer erhöhten Regenwahrscheinlichkeit und einer besseren Grundwasserneubildung zu rechnen.

Mehr Hintergrundinformationen zur Schlüssellinienkultur (Keyline Design) finden sich in folgenden Publikationen:

Ryan, Justin A., et al. 2015. Modelling the Potential of Integrated Vegetation Bands (IVB) to Retain Stormwater Runoff on Steep Hillslopes of Southeast Queensland, Australia. Land. 4, 2015, S. 711-736.
Ryan, Justin G., McAlpine, Clive A. und Ludwig, John A. 2010. Integrated vegetation designs for enhancing water retention and recycling in agroecosystems. Landscape Ecology. 25, 2010, S. 1277–1288.

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Zukunftsweisendes aus der Vergangenheit

„Es liegt außer allem Zweifel und wird bei unbefangenen Beobachtungen sich gewiß noch bestätigen, daß sich bei der Baumfelderwirthschaft die Bodenkraft und Frische, sohin die Fruchtbarkeit länger und besser erhält, als auf kahlen Fluren, wo man selbst mit allen möglichen künstlichen Düngungsmitteln die Fruchtbarkeit immer mehr abnehmen sieht. Die Nothwendigkeit und der wohlthätige Einfluß der schützenden Bekleidung des Bodens durch größere Vegetabilien (Bäume) tritt bei unbefangener Anschauung der Natur überall unverkennbar hervor.“

So schreibt ein anonym gebliebener Autor in einem von Eugen Neureuther illustrierten Buch im Jahre 1856, „Die Holzzucht außerhalb des Waldes“ (s.u.). Diese und weitere spannende Erkenntnisse aus einer Vergangenheit, in der wie heute einige Denker und Denkerinnen ihrer Zeit weit voraus waren, kann man mittlerweile auch online im Original lesen. Mehr dazu bei der Bayrischen Staatsbibliothek München: https://reader.digitale-sammlungen.de/de/fs1/object/display/bsb10386002_00104.html

Baumfelder. Aus: Die Holzzucht außerhalb des Waldes, zum Vortheile der ländlichen Oekonomien und zur landschaftlichen Verschönerung Bayerns: für Grundbesitzer, Land- und Forstwirthe, Stadt- und Landgemeinden. Neureuther, Eugen Napoleon (Hrsg.) ; 1856. Palmer-Verlag, München.