Agroforstsystem in Keyline Design in Brandenburg nahe Berlin, baumfeldwirtschaft.de, Dipl.-Fw. Philipp Gerhardt

Keyline Design für Solidarische Landwirtschaft wächst und gedeiht

Luftaufnahme vom Keyline Design, das ich 2018 für die Solidarische Landwirtschaft ‚Minga‘ bei Zürich erstellt und eingemessen habe. Foto von Urs Ambühl.

Die nahe Zürich gelegene Solidarische Landwirtschaft ‚Minga vo Meile‚ hat im Jahr 2018 einen Selbsterntegarten mit ausschließlich mehrjährigen Gemüsen, Stauden, Sträuchern und Bäumen angelegt. Dafür habe ich ein Schlüssellinienmuster (siehe Keyline Design) erstellt und eingemessen. Damit wird der Feuchtigkeitshaushalt der Fläche ausgeglichen, indem die Pflanz- bzw. Beetreihen ein leichtes Gefälle vom feuchteren zum trockenern Bereich der Fläche aufweisen. Die Stellen, an denen es oft zu nass war und wo es zu Oberflächenabfluss kam, werden also hinsichtlich dieser Problematik entschärft. Dort, wo es vorher trockener war, steht mehr Wasser zur Verfügung, das dort außerdem länger gehalten wird und in die Tiefe einsickern kann.
Eine ausführliche Beratung zu Fruchtertragsgehölzen und anderen Aspekten von Agroforstsystemen wurde auch dort in Zusammenarbeit mit den Kollegen von Permagold, PARela und baumfeldwirtschaft.de durchgeführt und zahlreiche Studierende waren vor Ort um sich mit uns über Keyline Design etc. auszutauschen. So wurde schon im Planungsprozess ein wesentliches Ziel der SoLaWi berücksichtigt, nämlich Wissensaustausch und gemeinsames Lernen zu fördern. Das Design, was nun dort angelegt wurde, hat eine Modellcharakter für kleinere und insbesondere solidarische Landwirtschaften.

Kürzlich habe ich einige Aufnahmen bekommen, die zeigen, wie das System jetzt, ein halbes Jahr nach der Anlage aussieht. Das schöne ist, dass dort eine auf Gehölzkulturen basierende, also den Boden nicht störende, Nahrungsmittelproduktion mit Schlüssellinienkultur (siehe Keyline Design), dem Prinzip der solidarischen Landwirtschaft und der Selbsternte kombiniert werden. Dadurch ergeben sich nicht nur zahlreiche positive Effekte  für das lokale Ökosystem und das Klima, sondern es entsteht auch ein Ökosystembewusstsein unter der bewirtschaftenden Gemeinschaft.

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Brücker Waldgarten auf der „Karte von morgen“

Das gemeinnützige Projekt „Karte von morgen“ möchte Initiativen für einen sozialen und ökologischen Wandel sichtbar machen und vernetzen. Die Karte ist unter http://kartevonmorgen.org zu finden und jede*r kann hier Projekte und Unternehmen hinzufügen. Der nahe Berlin gelegene Waldgarten „Lummerland“, der zum Projekthaus „Frieda“ in Brück gehört, hat einen eigenen Eintrag und bereits eine erste Bewertung bekommen! Ich freue mich sehr, dass dieses ambitionierte Projekt so auch einer breiteren Öffentlichkeit sichtbar wird und die örtliche Gemeinschaft vielleicht Zulauf erhält. Natürlich bin ich auch sehr erfreut darüber, dass so vielleicht mehr Menschen vom dortigen Kursangebot erfahren und sich das Wissen, dass es für die gelingende Bewirtschaftung eines Waldgartens braucht, weiter verbreiten kann. Wenn ihr an einem Kurs oder Aktionswochenende im Waldgarten Lummerland teilgenommen habt, dann unterstüzt das Projekt gern mit einem Kommentar auf der „Karte von morgen“ – das ist sicherlich nachhaltiger als in kommerziellen Sozialen Medien (siehe https://digitalcourage.de/themen/facebook/).

 

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Die dünne Haut der Erde

In der derzeitigen Landwirtschaft wird der Boden immer wieder gestört, was zu massiven Verlusten an Biomasse im Boden, besonders an Humus führt. Dadurch schwindet die Fähigkeit der Böden, Nährstoffe und Wasser zu halten und bereitzustellen. Die Folge ist die Auswaschung von Nährstoffen, sinkende Erträge und die Emission großer Mengen von CO2 in die Atmosphäre.

Zu dieser Thematik gibt es jetzt eine Reportage des Deutschlandfunks mit dem Titel „Die dünne Haut der Erde“. In dieser kommt auch der engagierte Bauer Mark Dümichen zu Wort, mit dem ich zusammenarbeite. Er betreibt seit Jahren eine pflegliche Bodenbearbeitung mit minimalen Eingriffen, permanenter Begrünung und dem Einsatz von eigens hergestellten Bodendüngern („Kompost“). Er hat das Dürrejahr 2018 weit besser überstanden als so manch andere Bauern in Brandenburg und arbeitet schon an den nächsten Schritten in Richtung einer regenerativen Landwirtschaft. Derzeit erarbeite ich weitere Klimawandelanpassungsmaßnahmen für seinen Hof.

Die Reportage findet sich unter:

https://www.deutschlandfunkkultur.de/landwirtschaft-die-duenne-haut-der-erde

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Baumfeldwirtschaft in Zeitschrift „OYA“

In der 51. Ausgabe („Garten Erde“) der Zeitschrift OYA erschien kürzlich mein Artikel über die Geschichte der Baumfeldwirtschaft und ihr Potential für die Zukunft unter dem Titel „In einer Waldlandschaft…“.

Kürzlich erschien in der Zeitschrift OYA mein Artikel über die Geschichte der Baumfeldwirtschaft und ihre Bedeutung für die Zukunft. Er kann unter dem von der Redaktion gewählten Titel „In einer Waldlandschaft…“ auch online gelesen werden. Ich empfehle, vorher den brillianten Artikel „Am Anfang war die Esskastanie“ meines Kollegen Florian Hurtig zu lesen, da ich vieles zur Frühgeschichte und zum Hintergrund der Idee der Baumfeldwirtschaft aus meinem Text herausgekürzt habe, weil ich wusste, dass Florians Artikel in dieser Ausgabe erscheinen würde. Insgesamt ist die neue Ausgabe (Nr. 51) der OYA eine sehr empfehlenswerte Zusammenstellung für einen Einblick in die Idee der regenerativen, hölzernen Landwirtschaft.

Artikel „In einer Waldlandschaft…“ von Philipp Gerhardt: https://oya-online.de/article/read/3065-in_einer_waldlandschaft.html

Artikel „Am Anfang war die Esskastanie“ von Florian Hurtig: https://oya-online.de/article/read/3067-am_anfang_war_die_esskastanie.html

Zeitschrift „OYA“ abonnieren: https://oya-online.de/order/abo.html
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Keine regenerative Güterversorgung ohne nachhaltigen Transport

Szene aus dem Film „Klar zur Wende – Rückenwind für Frachtsegler“: Darstellung der stetig wachsenden Schadstoffbelastung aus Schiffsemissionen über Europa.

Ein Thema, das mich schon lange bewegt, wurde kürzlich vom Fernsehsender Arte aufgegriffen und mit einer Doku gewürdigt:

Es geht um die gewaltigen Umweltschäden des globalen Frachtverkehrs zur See. Abgesehen von den Schadstoffemissionen aus Schweröl, die weit über Europa verblasen werden und sogar in Berlin oder Warschau noch (mit dem Preis billiger Überseeprodukte) unbezahlte Gesundheitsschäden hervorrufen, ist der Treibhausgasausstoß ein ungelöstes Problem. Der Film zeigt, wie Pioniere an die alte Tradition der Frachtsegler anknüpfen und neue Wege entwickeln, wie ein Güterverkehr ohne fossile Brennstoffe aussehen könnte.

Dabei geht es nicht nur um technologische innovation, sondern auch zu einem guten Teil um das Überdenken unserer Haltung zum Konsum von Gütern. Wann und wie oft müssen wir bestimmte Dinge haben?

Der Film „Klar zur Wende – Rückenwind für Frachtsegler“ läuft derzeit auf Arte.tv und zeigt anschaulich, wie traditionelles Wissen mit modernen Methoden genutzt werden kann, um eine regenerative Zukunft zu schaffen – nicht ohne unsere Haltungen zu überdenken!

Stellen wir uns diese Fragen, so kann einerseits der Frachtverkehr mit einer Renaissance des Segelns revolutioniert werden, auf der anderen Seite wäre es für ein gutes Leben auf diesem Planeten sicherlich auch förderlich, ihm nicht nur einen „grünen Anstrich“ zu verleihen, sondern das zugrundeliegende System zu hinterfragen. Der Film „Klar zur Wende – Rückenwind für Frachtsegler“ ist daher auch für Überlegungen zur „hölzernen Revolution“ in der Landwirtschaft inspirierend. Auch dort können wir auf altes Wissen zurückgreifen, es um die Erkenntnisse der modernen Wissenschadft ergänzen und in eine regenerative Zukunft investieren – jedoch nicht, ohne unsere Produktions- bzw.

Versorgungssysteme zu entschleunigen und solidarökonomisch zu organisieren.

Der Dokumentarfilm ist noch bis 29.11.2018 unte folgendem Link abrufbar:

https://www.arte.tv/de/videos/048615-000-A/klar-zur-wende/

 

 

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Agroforst-Profis planen gemeinsam

Immer mehr Landwirte erkennen die Zeichen der Zeit und versuchen, ihre Betriebe fit zu machen für den Klimawandel und ihre Böden wieder in eine nachhaltige Nutzung zu bringen. Besonders erfreulich sind Initiativen, die die besten Köpfe der Agroforst-Szene versammeln, um gemeinsam neue Wege zu gehen. So geschehen z.B. im September beim Landwirtschaftsbetrieb Schlossgut Alt Madlitz, wo in Zukunft Agroforstsysteme entstehen sollen. Für diese sollen die besten Erfahrungen aus Wissenschaft und Praxis kombiniert werden, um eben nicht nur Energieholz- oder Wertholzstreifen anzulegen, sondern standortsangepasste Systeme zu entwickeln, die eine vielzahl an Funktionen erfüllen können und dem Betrieb vielfältige Optionen eröffnen, um auf die Herausforderungen der Zukunft zu reagieren.

v.l.n.r.: P. Gerhardt (baumfeldwirtschaft.de), B. Kayser (agroforst.de), H. Gaede (wipfelwerk.de), P. Hofmann (Uni Kassel), P. Woebkenberg (Ecosia.org), B. Bösel (Gut Alt Madlitz), R. de Vries (HNE Eberswalde), N. Haack (Uni Kassel), C. Böhm (BTU Cottbus), E. Underberg, T. Domin (IG Aufwerten).
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Einsamkeit, Präsenz und Nachhaltigkeit

Präsenz ist mehr als bloße Anwesenheit.

Für mich bedeutet präsent sein, authentisch da zu sein, Zeuge der eigenen und der Gefühle anderer zu sein und mit all diesen nach bestem Können liebevoll umzugehen. Auch wenn ich nicht immer etwas für andere oder für mich tun kann, so erfüllt es mich doch, wenn ich den liebevollen, ernstgemeinten Versuch erkenne.

Wenn wir umgeben sind von Menschen, die zwar da, aber nicht wirklich präsent sind, werden wir einsam. Wir finden keinen Kontakt, keine Berührung mit anderen oder uns selbst.

Einsamkeit ist mehr als Alleinsein.

Denn Alleinsein ist selbst gewählt, Einsamkeit ungewollt. Und einsam sein kann man eben auch, wenn man von vielen Menschen umgeben ist.

Ohne Kontakt und Berührung, wirklich einsam,  kann man auch sein, wenn man physisch berührt wird.

Diese Einsamkeit ist eine unglaublich schmerzvolle, gewaltsame Erfahrung.

Deshalb brauchen wir es, präsent zu sein. Der größte Teil der Menschheit sehnt sich nach Präsenz, also nach Authentizität, Liebe und Geborgenheit. Nach dem Ende der Einsamkeit.

Welche Strukturen brauchen wir, um einen authentischen, liebevollen Kontakt zu haben, der uns erfüllt, die Einsamkeit nimmt und uns wirklich miteinander verbindet?

Was müssen wir dafür können, was sollten wir jedem kleinen Menschen mit auf den Weg geben?

Wie müssen wir unsere Umgebung gestalten, um das zu erreichen?

Ich bin mir sicher, dass Verbindung und Geborgenheit lernbar sind. Aber sie sind ein Gemeinschaftswerk, ein Allmendegut. Einserseits braucht es dazu physische Räume, die uns auf allen Ebenen nähren. Auf der anderen Seite müssen auch immaterielle Räume geschaffen werden, die es noch viel zu wenig gibt: Umgebungen, in denen wir sein dürfen, wie wir sind, ohne verurteilt oder bewertet zu werden. In denen wir weinen dürfen, Lust haben, Freude haben an und Angst vor den Dingen, die wir persönlich fürchten oder uns wünschen.

Der Weg dahin ist noch weit. Ich werde ihn weiter gehen mit dem Versuch, Landschaft, Dörfer, Gemeinden etc. zu gestalten, die ökologisch stabil sind und Geborgenheit schaffen können. Ich werde weiter daran arbeiten, authentisch zu sein und andere zur Authentizität zu ermutigen. Ich will damit einen gewaltfreien Raum schaffen, in dem man wirklich präsent sein kann, empathisch mit sich selbst und anderen.

Denn erst mit dem ehrlichen Kontakt von Herz zu Herz, von Seele zu Seele, wird die Einsamkeit zurücktreten und wir bekommen die Möglichkeit, unser Miteinander und den Umgang mit unserer Umwelt gemeinsam zu gestalten.

Nur wenn wir nicht mehr den Schmerz der Einsamkeit in uns herumtragen, können wir mit voller Kraft etwas weiteres möglich machen, das wir dringend brauchen:

Nachhaltigkeit.

 

 

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Kurs: Kreisläufe schließen – Terra Preta, Komposttoiletten und Pflanzenkohle herstellen

Vom 31.August bis 2. September wird es im Zukunftszentrum Nieklitz einen Praxiskurs mit mir geben. Inhalt wird sein:

  • Terra Preta verstehen und standortgerecht anwenden
  • Bau mehrerer Kompost-Trenntoiletten – erprobtes und gut funktionierendes Design, leicht nachzubauen und in eigenen Projekten integrierbar
  • Pflanzenkohle-Herstellung im offenen Verfahren („Kon-Tiki“-Methode) mit Gerät und ohne Hilfsmittel für jeden Standort
  • Wurmkompost und Heißkompost sowie Kompost-Tee herstellen
  • Fermentation mit Mikroorganismen
  • Planung und Optimierung von Stoffkreisläufen in Waldgarten, Selbstversorgung und Regenerativer Landwirtschaft
  • Hintergründe, Geschichte und Ökologie
  • Eigene Projekte planen und optimieren

Der Kurs kostet inklusive Bio-Vollverpflegung nur 230€ bei Übernachtung im Bett, 200€ bei Übernachtung im eigenen Zelt oder Auto.

Natürlich soll das kein Allerwelts-Kurs werden. Ich werde Terra Preta, Komposttoiletten, verschiedene Kompostierverfahren, den Mikroorganismen-Hype usw. natürlich wieder von der ökologischen Seite her beleuchten und mit einigen Daten unterfüttern. Dazu kommt meine übliche Portion Geschichte und Politik, sicher auch einiges an Musik und Tanz 🙂 Vor allem werden wir an dem Wochenende aber die Werkstatt des Zukunftszentrums, den neu angelegten Waldgarten und den Rest des Geländes zur Verfügung haben, um ein wunderbar einfaches aber effektives Kompost-Trenntoiletten-Design in mehrfacher Ausführung zu bauen, so dass es jede(r) zuhause nachbauen kann. Wir werden auf die Suche nach Mikroorganismen gehen und uns ganz praktisch mit Fermentation und Kompostierung befassen. Wenn ihr Interesse daran habt, an eurem Ort geschlossene Nährstoffkreisläufe zu schaffen, dann ist dieser Kurs sicher das Richtige für euch.

Eine genauere Beschreibung des Kurses gibt es auf der Kurs-Seite, Anmeldung und Kontakt zum Organisationsteam findet ihr auf wirbauenzukunft.de. Direkt zur Anmeldung geht es hier.

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„Ein Paradies gedeiht nur durch Liebe und Freude!“

Im Jahr 1819 erschien Cottas ‚Baumfeldwirthschaft‘.  Hier ein kleiner Auzug, den ich aus dem Original abgeschrieben habe:

„Welch ein Anblick bei uns, auf vielen meilenweiten Strecken Felder, Wege, Raine, Teiche und Bach-Ufer ohne Baum zu finden! Dann noch die düstern Brachfelder! Aber selbst auch die wallenden Saatfelder, was sind sie ohne Laubgewölbe? Wie ermüden sie – wie stimmen sie das Gemüth zur Monotonie, wenn nichts den flachen Anblick bricht, das Auge auf keinem fesselnden Punkte ruhen und sich auch des schönen freuen kann?

Dagegen ein wahrer Oekonomie-Garten wie Hoschitz – so nützlich und doch so schön! Oder meilenweite liebliche Fluren, wie das reizende Kuhländchen in Mähren!

Wie aber die todte, gelbe oder braune Steppe in eine lebendige, durch frisches Grün erst gehobene Landschaft umwandeln?

Man höre, überlege, führe aus:
1) Jeder Gutsherr, jeder Landmann bepflanze Straßen, Raine und Grenzen mit Bäumen.
2) Jeder Gutsbesitzer, jede Gemeinde lege die nöthigen Baumschulen an. Diese bestimme dazu einen Gemeindeplatz, bepflanze ihn unter Leitung und Hülfe des Schullehrers und der Jugend. Der Pfarrherr und der herrschaftliche Gärtner führen die Aufsicht.
3) Schneller ins Paradies zu kommen, werden gleich junge Obstbäume angekauft, und wenigstens damit die Grenzen abgetheilt.
4) Der Nutzen bleibe den Pflanzern.
5) Die Raine besetze man in gehöriger Entfernung mit Obstbäumen. Die Landstraßen, Feldwege, Ufer der Bäche und Teiche mit den schatten- und zuckerreichen Ahornen.
6) Zur Oberaufsicht, Pflege und Beförderung des Ganzen ernenne die Regierung für jeden Kreis einen Plantagen-Commissair, der bei gründlicher Kenntniß das Aufmuntern besser als das Befehligen verstehe.
7) Jeder größere Güterbesitzer stelle einen eigenen Plantagen-Director an, und sehe bei der Wahl vorzüglich auf einen Mann, den nicht das Amt zur Pflicht, sondern Lust und Freude zum Amte rufe. Ein gemeiner Lohn-Oekonom taugt hierzu nicht. Ein Paradies gedeiht nur durch Liebe und Freude! Es giebt Menschen mit freier Muße, voll Enthusiasmus für einen Wirkungskreis dieser Art. Solche wähle man!

Welche eine Idee, welch ein Anblick, wenn so in wenigen Jahren die ganze Monarchie in ein irdisches Paradies umgeschaffen wäre! Ueberall Genuß und Nutzen! Ueberall Schatten, Obdach und Erndte! Holz gegen Frost, Obst zur Sättigung und Erquickung, Zucker für den Gaumen, Weingeist zur Stärkung – alle Reisen in den milderen Jahreszeiten nur Lustwandlungen durch einen unermesslichen Garten!“

Aus „Die Verbindung des Feldbaues mit dem Waldbau oder die Baumfeldwirthschaft“, von Heinrich Cotta, Dresden 1819, Arnoldische Buchhandlung.

Agroforstsystem in Keyline Design in Brandenburg nahe Berlin, baumfeldwirtschaft.de, Dipl.-Fw. Philipp Gerhardt

Was ist eigentlich ein Waldgarten?

Im Waldgarten werden auf kleiner Fläche mit unterschiedlicher Gehölzüberschirmung Pflanzen, Pilze und Tiere genutzt, gepflegt und gestaltet, um für den Menschen wichtige Güter und Leistungen bereitzustellen. Das Modellökosystem dafür ist die teiloffene temperierte Baumlandschaft mit Einfluss von Großherbivoren.

Was ist eigentlich ein „Waldgarten“?
Diese Frage wird immer wieder gestellt und der Begriff wird oft in verschiedenen Kontexten unterschiedlich und sehr individuell verwendet. Hier möchte ich einmal darüber nachdenken, was für mich (im temperierten Klima) ein „Waldgarten“ ist:

Viel Verwirrung entsteht schon, da im englischen Sprachraum oft „forest gardening“ mit „Permakultur“ gleichbedeutend verwendet wird. Das ist dann durch Übersetzungen auch ins Deutsche übertragen worden, wobei es auch explizite Unterscheidungen gibt (z.B. Permakulturkurse, die einen gesonderten „Waldgarten“-Teil beinhalten). Da ich aber aus den Forstwissenschaften komme und aus ökologischen Grundüberlegungen und der Einbeziehung ihrer klassischen Disziplinen meine Gestaltungsansätze herleite, nähere ich mich dem Thema jedoch von einer anderen Seite:

Wenn ich mich einer Definition annähern würde, würde ich erstmal die Teile des Wortes betrachten: Wald und Garten.
Wald ist eine zu mindestens 10% von Gehölzen überschirmte Fläche von mindestens 0,5 Hektar, laut UN. Das ist bewusst so gewählt, um auch in ariden Gebieten Wälder zu finden und diese dementsprechend bewirtschaften undvor allem schützen zu können. Sicher ist auch ein wenig Greenwashing dabei, damit auch noch völlig übernutzte Gehölzbestände als Wald gelten. Das Bundeswaldgesetz hingegen meint, dass Wald einfach eine mit „Forstpflanzen“ bestockte Fläche ist, plus einige Bestimmungen, was eben kein Wald sei.
Das Problem bei der ganzen Geschichte ist, dass diese Definitionen alle auf der forstwirtschaftlichen Sichtweise Mitteleuropas beruhen, die über die unterschiedlichen Instanzen der EU und der UN auch in die global gültigen Definitionen Eingang gefunden hat. Es geht dabei eben immer um eine hauptsächliche Betrachtung der Gehölzkomponente; das innere Bild, das wir von Wäldern mit uns herumtragen, ist eines von hohen Bäumen und geschlossenem Kronendach. Herausgebildet hat sich dieses Verständnis von Wald aber hauptsächlich im 19. Jahrhundert. Dabei ist spannend, dass einer der Begründer der Forstwissenschaften in Deutschland (und überhaupt), Heinrich Cotta, in einem seiner späteren Werke eine völlig andere Sichtweise vertreten hat: In der ‚Baumfeldwirthschaft‘ schreibt er im Jahr 1819(!), dass wir in der Landschaft Systeme schaffen sollten, die Holzproduktion, Viehaltung und den Anbau von Feldfrüchten kombinieren. Dadurch würden sich die Fruchtbarkeit und die Stabilität maßgeblich erhöhen und die Menschen seien langfristig mit Nahrung und anderen wichtigen Produkten besser versorgt. Erstaunlich auch, dass dies für das temperierte Klima Mitteleuropas dem ökologischen Modell der teilweise offenen Baumlandschaften entspricht, das in der Großherbivorentheorie ab den 2000er Jahren von Vera und anderen Forschern skizziert wurde und seit dem Eingang in die Ökologie und andere Forschungsdisziplinen gefunden hat.
Damit könnten wir, so Cotta 1819, ‚das Paradies auf Erden‘ schaffen, nur täten wir das nicht, weil gesellschaftliche Eliten (Industrielle und Adlige) an der Trennung verdienten. Somit kam auch der schärfste Gegenwind von Seiten der (späteren) Anhänger der Bodenreinertragslehre, die Waldbau als Kapitalanlage propagierte und darauf drängte, nur solche Maßnahmen im wald durchzuführen, die mit einer Anlage am Kapitalmarkt konkurrenzfähig wären. Leider hat sich diese damals durchgesetzt und so für lange Zeit unsere Idee von Wald, unsere Landschaft und unsere Haltungen geprägt.
Sehr spannend sind da übrigens die vielen Briefwechsel und Artikel, in denen z.B. Cotta und Pfeil für eine Landnutzung als ‚Ersten Erhalt des Lebens‘ eintreten (Motto: Ein jeder Förster sollte sich was schämen, der nicht für die Abdeckung aller menschlichen Bedürfnisse pflanzt und säht und die Bevölkerung teilhaben lässt) und auf der anderen Seite Forstleute wie Hundeshagen oder Preßler, die für eine rein mathematisch-ökonomische Betrachtung von Wald eintraten.

Wir sehen also, dass Wald einerseits hauptsächlich als Gehölzsystem betrachtet wird, andererseits aber auch schon lange eine eher ökosystemare Sichtweise existiert, die Boden, Wasserhaushalt, Tiere, Pilze  und Pflanzen mit einbezieht und bei der auch der Einfluss des Menschen in Form von nutzungen und Gestaltung eine Rolle spielt, so dass der „Wald“ fließend in andere Landnutzungsformen und Ökosysteme übergeht.

Hierbei kommen wir schon dem zweiten Teil des Wortes „Waldgarten“ näher, nämlich dem Garten. Dieser meint eine abgegrenzte, intensiv genutzte und gestaltete Landfläche, die Menschen für die Produktion verschiedener Güter und Leistungen (z.B. auch ‚Erholung‘) gebrauchen. Folgt man der Sichtweise einiger Forstlicher Klassiker, so könnte man das schon fast auf den Wald anwenden, wenn hierfür Gehölze verwendet werden. So ist der Wald im Cotta’schen Sinne einfach eine intensiv gestaltete Landnutzung, die von der ‚Landwirtschaft‘ lediglich durch die Nutzung von Bäumen anstelle von einjährigen Pflanzen als hauptsächlichem Produktionsmittel zu unterscheiden ist, und die Übergänge können fließend sein. Nur die Abgrenzung durch mehr oder weniger bauliche Maßnahmen, die den Garten ausmacht, fehlt bei Land- und Waldwirtschaft und auch bei Agroforstsystemen, also den Cotta’schen Baumfeldwirtschaften. Daher ist die Kleinflächigkeit und Intensität der Nutzung und gestaltung ein wichtiges Merkmal des (Wald-)Gartens.

Wenn wir den Wald als Ökosystem betrachten, reicht es nicht aus, nur die Gehölzkomponente zu sehen. Zu seinem dauerhaften Bestehen braucht es auch andere Pflanzen, Pilze und Tiere, die viele wichtige Rollen erfüllen. Allein in natürlichen Ökosystemen führt der Einfluss von Tieren und anderen Störungen dazu,  dass die Übergänge zwischen Gehölzkomplexen und offeneren Landschaftsteilen fließend sind. Auch der Mensch kann in seiner Nutzung und Gestaltung ganz andere Strukturen schaffen, als es unser inneres Bild von „Wald“ oft vorgibt.
Dies alles zusammen genommen,  ist der Waldgarten eine abgegrenzte, umfriedete Fläche, auf der Tiere, Pilze und Pflanzen mit einer merklichen Überschirmung durch Gehölze intensiv gepflegt, genutzt und gestaltet werden, um für den Menschen wichtige Güter und Leistungen, z.B. Nahrung, Witterungsschutz, Holz, Erholung etc., zu erbringen.
Vielleicht ist aber tatsächlich der Begriff „Waldgarten“ irreführend, da er auf unseren Denkrahmen vom geschlossenen Wald, also dem forstlichen ‚Hochwald‘, zurückgreift. Treffender wäre wohl etwas, das die vielen wichtigen Aspekte solcher Systeme kurz und bündig zusammenfasst. Dafür ein Wort zu finden, ist mir jedoch bisher nicht gelungen. „Langfristig stabile, temperierte Baumlandschaft mit geschlossenen Stoffkreisläufen und Potentialaufbau zur Bereitstellung wichtiger Güter und Leistungen für den Menschen unter Nutzung und Gestaltung diverser Ökosystemkomponenten im Gartenmaßstab“ ist es jedenfalls nicht 🙂