Hessische Staatsdomäne Gladbacherhof

Auf der Hessischen Staatsdomäne Gladbachhof zeigt das von Dr. Philipp Gerhardt geplante System, wie Anbaumuster und Agroforststreifen nach den Prinzipien des Keyline Design Wasser lenken, verteilen und versickern können. Für die Forschung angelegt, werden in dem Agroforstsystem mit verschiedenen Obstbäumen, Sträuchern und schnellwachsenden Gehölzen Erträge, Bodenfeuchtigkeit, Biodiversität und viele andere Faktoren gemessen und langfristig untersucht. Im Vergleich mit einem bereits vorher angelegten geradlinigen Agroforstsystem, bei dem Dr. Gerhardt beratend tätig war, ergeben sich hier zahlreiche Möglichkeiten für die Erforschung und Demonstration der Agroforstwirtschaft, die im laufenden Betrieb der Justus-Liebig-Universität Gießen genutzt werden, aber auch bereits überregional als Standort der Ökofeldtage 2022 bekannt geworden sind.

Die Agroforstprojekte am Gladbacherhof haben eine lange Geschichte, die auch mit der Geschichte der Firma Baumfeldwirtschaft verknüpft ist. Bereits in den Jahren vor der Gründung des Deutschen Fachverbands für Agroforstwirtschaft lernten sich Dr. Philipp Weckenbrock und Dr. Philipp Gerhardt im Rahmen ihres Engagements für mehr Agroforst in Deutschland kennen. Dr. Weckenbrock trug in der Folge maßgeblich zum Aufbau der agroforstlichen Forschung an der Uni Gießen bei, wobei über die Jahre immer wieder Kontakt und Austausch über die aktuellen Entwicklungen stattfanden. Die von ihm initiierten ersten Systeme am Gladbacherhof sind heute ein hervorragendes Beispiel dafür, wie wichtig vor allem die aktive Bewirtschaftung und Pflege ist, auch wenn verschiedene Methoden zum Ziel führen können. Hier kann sich jeder Landwirt davon überzeugen, wie wüchsig und produktiv verschiedene Gehölze im Agroforst sein können, wenn man “dran bleibt”. 

Schon immer bestand im Team um Dr. Weckenbroch auch ein Interesse am Keyline-Ansatz, und so war es eine besondere Freude, dass der Versuchsbetrieb für die Anlage eines Systems in Hanglage gewonnen werden konnte. Dr. Philipp Gerhardt wurde daraufhin als Experte konsultiert und plante die Strukturen nach den Erfordernissen des Versuchs- und Lehrbetriebs. Das entstandene System hat, anders als die sonst von der Firma Baumfeldwirtschaft angelegten Wässersysteme, keine Verteil- und Sickergräben. Dies hat den Hintergrund, dass die seit jahrzehnten kolportierte Wirkung von wasserlenkenden Bearbeitungsmustern untersucht werden soll, die im klassischen “Keyline Design” in den 1950er Jahren propagiert wurde. Unsere Praxiserfahrung zeigt, dass diese Systeme zwar Fließwege verlängern und bei schwächeren Regenereignissen durchaus Wirkung zeigen, aber bei Starkregen bei weitem nicht ausreichen, um große Mengen Wasser zurückzuhalten. Bei Praxisversuchen in Thüringen konnten wir dies mit drohnenbasierter Kartierung von Erosionsrinnen nachweisen, die nur von Gräben, aber nicht von reinen Gehölzstreifen unterbrochen wurden. Wir sind daher gespannt auf die Ergebnisse aus dem langfristigen Forschungsbetrieb und erwarten, dass sich unsere in der Praxis gewonnene Erkenntnis bestätigt: Keyline Design ist ein Meilenstein für eine ganzheitliche, nachhaltige Landwirtschaft, aber die überwältigende Wirksamkeit in Wasserrückhalt, Hochwasser- und Sturzflutenschutz bei gleichzeitiger landwirtschaftlicher Praktikabilität wird nur erreicht, wenn der klassische Ansatz überwunden und die Weiterentwicklungen der letzten Jahre konsequent angewendet werden.

Auf dem Gladbacher Hof zeigen sich aber schon heute die vielfältigen Wirkungen, die auch bei einfacheren Systemen ohne Wässergräben zu erwarten sind: Eine deutlich gestiegene Biodiversität in der Fläche, geringere Austrocknung des Bodens, vielfältige Erträge, ein günstigeres Mikroklima, weniger Hitzestress für Weidetiere und vieles mehr. Vor allem aber hat die Landschaft durch das arbeiten mit dem natürlichen Geländeverlauf eine Schönheit gewonnen, die Besucher sofort in ihren Bann zieht.